Die Zeit danach

So individuell die Menschen ihr Leben führen, so einzigartig ist auch ihr Vermächtnis in emotionaler und finanzieller Hinsicht. Manche wollen ihren Nachlass bis ins Detail geregelt wissen, andere sich wiederum überhaupt nicht darum kümmern.

Die Hospizbegleiterin Gudrun P. berichtet etwa von ihren Besuchen bei einer Frau, die bereits sterbenskrank war. Von den Ärzten seien ihr nur noch wenige Wochen verbleibende Lebenszeit prognostiziert worden. Sechs Monate lang habe sie schließlich tapfer gegen ihre Krankheit angekämpft, bevor sie verstarb. „Das war eine herausfordernde Begleitung für mich. Sie berichtete mir über ihr gesamtes Leben.“ Zu ihrem Nachlassvermögen hätte diese Patientin hingegen ganz bewusst überhaupt keine Vorkehrungen getroffen. Sie sei überzeugt gewesen, dass sich ihre beiden über alles geliebte Kinder ausreichend gut verstünden und alles gerecht untereinander aufteilen würden.

Das Wissen um Möglichkeiten und Varianten, wie man seinen Nachlass bei Zeiten regeln kann, ist mittlerweile allgemein verbreitet, sodass die meisten ihre letztwilligen Verfügungen schon längst errichtet haben, wenn sie lebensbedrohlich erkrankt sind oder sich etwa in Folge eines Unfalls plötzlich in Lebensgefahr befinden. „Dabei geht es dann nicht so sehr um Emotionalität, sondern vielmehr darum, einen organisatorischen Akt abhaken zu können“, so der Psychotherapeut Gilbert Weiss-Lanthaler. Seinen Nachlass geregelt zu wissen, habe aber natürlich etwas Befreiendes und Entlastendes an sich.

Was die Herangehensweise an das eigene Ableben betrifft, haben sich die Zeiten meiner Erfahrung nach geändert. Man wird mittlerweile häufiger mit dem Sterben konfrontiert. Viele Leute, auch zahlreiche junge, sagen, sie möchten ihre Begräbniskosten geregelt haben. Entweder kümmern sie sich mit Hilfe einer Versicherung darum oder sie teilen ihren nahen Verwandten mit, wo die Ersparnisse für die eigene Bestattung zu finden seien. Auch ich selber habe schon Vorkehrungen getroffen“, so Herbert Schaffrath, der Leiter des Familien- und Sozialzentrums des Hilfswerk Salzburg für den Bezirk Pongau. Vielen verschaffe es ein gutes Gefühl, wenigstens diese organisatorischen Belange erledigt zu haben, auch wenn sie völlig gesund sind und mitten im Leben stehen. „Viele übergeben ihr Haus oder ihre Wohnung rechtzeitig an ihre Nachkommen, damit die öffentliche Hand nicht darauf zugreifen kann, um einen eventuellen Aufenthalt im Seniorenheim zu finanzieren. Was erschaffen wurde, sollte weitestgehend in der Familie bleiben, weshalb es häufig relativ früh zur Regelung dieser Dinge kommt.“

Den meisten liege daran, noch zu Lebzeiten exakt festzulegen, was mit ihrem Vermögen dereinst geschehen solle. Schließlich gehe es darum, alles, was man sich ein Leben mühsam aufgebaut hat, irgendwann auch in den Händen jener zu wissen, die man besonders liebt.

Auch Patienten, die ihr Ableben bereits vor Augen und sich mit ihrer Krankheit einigermaßen arrangiert hätten, errichteten oder änderten häufig letztwillige Verfügungen. „Sie sind bereit dazu, diese Schritte zu setzen. Aber es gibt auch jene, die es nicht schaffen, diese Angelegenheiten anzugehen. Sie legen stattdessen ihre Hoffnung lieber in die nächste Chemotherapie oder die bevorstehende Operation“, berichtet Barbara Schnöll aus ihren Erfahrungen.

Frau Brigitte Gasteiger, seit 16 Jahren in einem traditionsreichen Salzburger Bestattungsunternehmen tätig, beantwortet die Frage, worauf Menschen denn besonders achteten, wenn es darum gehe, ihr eigenes Begräbnis oder das von Angehörigen zu organisieren folgendermaßen: „Ein würdiger Abschied ist sehr wichtig. Für die Familien und deren weiteres Leben ist es von großer Bedeutung, dass die Trauerfeier im Sinne des Verstorbenen ist. Wir achten darauf, jeden Wunsch, soweit er ethisch vertretbar ist, in die Tat umsetzen zu können“.

In den Büroräumen des Bestattungsunternehmens herrscht geschäftiges Treiben. Es gibt hier keine Türen. Alle Mitarbeiter sind um Professionalität und Freundlichkeit bemüht. Die anwesenden Angehörigen werden auf eine behutsame Weise umsorgt und irgendwie auch ein wenig von ihrem Kummer abgelenkt. Auf eine eigenartige Weise hat die dadurch entstehende Stimmung beinahe etwas Tröstliches. Im Gegensatz zu den steril und kühl mit schlichtem Neonlicht etwas unangenehm wirkenden Arbeitsräumen, wird im öffentlich zugänglichen Bürobereich großer Wert auf eine beruhigende und behagliche Anmutung der Räumlichkeiten gelegt. Die dunkelroten Wände und das warme Licht sind optisch sehr angenehm und mildern dadurch den traurigen Gegenstand der Unterredungen etwas ab. „Hat er denn eine Sterbeversicherung?“, hört man aus einem der Büros. Und weiter: „Soll es bei ihrem Mann auch eine Feuerbestattung werden und kommt er ins gleiche Grab wie Sie?“.

Ein schmächtiger, mit einer schwarzen Hose, grauem Hemd und einem schwarzen ärmellosen Pullover bekleideter Bestattungsmitarbeiter wiegt in seinen Händen eine große silberne Urne, während er seinem Büro zustrebt. Eine ältere und eine jüngere Dame folgen ihm. Die ältere weint. Als sie im Büro sitzen, wird darüber gesprochen, wie der Patenbrief gestaltet werden soll. Die junge Dame meint, sie hätte im Hintergrund gerne den Untersberg abgebildet. Während der Todesfeier solle leise instrumentale Musik gespielt werden. Die ältere Dame beendet irgendwann das Schluchzen. Vielleicht weil ihr jetzt auch dazu die Kraft fehlt oder einfach, weil sie jetzt funktionieren muss, es nun darum geht, den würdigen Abschied von einem geliebten Menschen zu organisieren.

Es gibt viele, die persönlich bei uns vorbeikommen und ihre Bestattung im Vorfeld regeln. Zum einen, weil sie sagen, sie würden am besten darüber Bescheid wissen, wie ihr Begräbnis gestaltet werden sollte, zum anderen, weil die Kommunikation über den Tod kein beliebtes Gesprächsthema in der Familie ist“, vermutet Frau Gasteiger. Den Leuten gehe es wohl aber auch darum, ihre Familien durch diesen Schritt zu entlasten. Vermehrt kämen junge Leute in das Bestattungsunternehmen. Sie hätten meist ziemlich genaue Vorstellungen darüber, wie die Abläufe gestaltet werden sollen. Es seien oft 30- bis 40-Jährige, die regelmäßig schon im Voraus einen bestimmten Betrag bezahlten, um auch den finanziellen Aspekt ihres Begräbnisses abhaken zu können.

Das Bewusstsein für das Thema Tod sei ihrer Erfahrung nach in jüngster Zeit gestiegen. Manche würden mittlerweile auch mit ihren Angehörigen ganz offen darüber sprechen. „Die Wünsche werden immer mehr und sind immer aufwendiger zu organisieren. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, weshalb die Wünsche eben immer spezieller werden.“ Das Abspielen spezieller CDs oder DVDs gehöre beinahe schon zum Standard. Etwa könne die Trauerfeier mit einem kurzen Film über das Leben des Verstorbenen beginnen. Die neuen Technologien böten natürlich auch ganz andere Möglichkeiten als noch vor 20 Jahren. „Wir sagen manchmal, wir organisieren keine Trauerfeiern mehr, sondern Events. Diese werden viel detailreicher geplant. Am Land gestalten sich die Begräbnisse hingegen meistens vergleichsweise noch viel traditioneller“, so Frau Gasteiger.

Auf die Frage, ob sie sich an besonders ungewöhnliche Wünsche zurückerinnere, fällt ihr eine ältere Dame ein, die darauf bestanden habe, dass ihr Mann im Sarg auf einer Kutsche noch einmal durch die Stadt Salzburg gefahren werde. Zuvor musste diese Fahrt beim Magistrat angemeldet werden. Der gesamte Trauerzug sei damals der Kutsche gefolgt. Obwohl es sich um keinen Prominenten oder keine öffentlich bekannte Persönlichkeit gehandelt habe, sei schlussendlich auch diesem Auftrag zur Zufriedenheit der Witwe entsprochen worden.

Zur Trauerfeier eines bei der Flugraumüberwachung des Bundesheeres tätigen Verstorbenen, wiederum habe man eine ganze Fliegerstaffel organisiert, die in einer Ehrenformation über den Friedhof geflogen sei. Für einen mit seinem Motorrad Verunglückten wären seine Biker-Freunde zur Trauerfeier mit ihren Harley-Davidsons erschienen. „Sie waren in voller Rockermontur gekommen, was ganz im Sinne des Verstorbenen war.“

Auch die Musikwünsche seien vielfältig. Natürlich gäbe es Lieder, die öfter gespielt würden als andere. „Schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch sei etwa besonders beliebt, oder Lieder von Xavier Naidoo. Ab und zu würden sogar Musikgruppen hier in der Aufbahrungshalle live auftreten. Immer wieder wünschten sich ältere Menschen zu Lebzeiten, dass ihre Trauerfeier einmal vom Enkelkind auf einem besonderen Musikinstrument begleitet werde. „Einem Österreicher war es besonders wichtig, dass afrikanische Livemusik mit Trommeln und ungewöhnlichen Musikinstrumenten gespielt wird“, so Frau Gasteiger.

Bei der Gestaltung der Räumlichkeiten beschränkten sich hingegen die meisten auf mehr oder weniger schlichten Blumenschmuck. „Es kam aber auch schon vor, dass der gesamte Boden mit Rosenblättern bestreut wurde. Ein anderer Verstorbener war ein Italien-Liebhaber, der viel in die Toskana gereist war. Die Trauerhalle wurde für ihn in Terracotta-Farben gestaltet und Olivenbäume wurden aufgestellt.“

Zwangsläufig käme es aber auch vor, dass es innerhalb einer Familie große Meinungsverschiedenheiten über die Gestaltung der Trauerfeier und die Art der Bestattung gäbe. Dann passiere es durchaus, dass bestimmte Leute von der Trauerfeier regelrecht ausgeschlossen würden. Den Bestattungsmitarbeitern werde dann strengstes Stillschweigen auferlegt, etwa darüber, zu welchem Zeitpunkt bestimmte Verabschiedungen stattfänden. Es sei aber natürlich auch schon vorgekommen, dass ungebetene Gäste erschienen wären, um Abschied zu nehmen, aber von der Familie sogleich gebeten wurden, wieder zu gehen.

Abgesehen davon gäbe es natürlich auch Angehörige, von denen die gesamte Organisation zur Gänze den Bestattungsmitarbeitern überlassen werde. „Ihnen scheint das nicht so wichtig zu sein. Vielleicht aus finanziellen Gründen oder weil der Kontakt zum Verstorbenen nicht so gut war“, vermutet Frau Gasteiger.

Überhaupt steige die Nachfrage nach schlichten, einfachen und kostengünstigen Bestattungen in letzter Zeit merklich an. Oft werde schlichtweg die günstigste Art der Kremation ganz ohne die Gestaltung einer Trauerfeier beauftragt. Man benötige in diesen Fällen auch keinen Patenbrief, keine Musik und keinen Pfarrer. Der Verstorbene werde dann nur ins Krematorium überführt und eingeäschert.

Natürlich gäbe es im Gegensatz dazu aber auch Familien, die einen besonderen Wert darauf legten, dass die Trauerfeier pompös und die Gräber prunkvoll gestaltet, vor allem aber auch sehr lange erhalten würden. Aufwändig gestaltete Grüfte, in deren Einrichtung viel Geld und Kreativität investiert wurde, müssten natürlich permanent gepflegt sowie hin und wieder erneuert werden.

Arkadengrüfte werden von großen und renommierten Familien weit über 100 Jahre genutzt“, weiß auch Herr Peter Ebner, seit 25 Jahren Konduktführer am Kommunalfriedhof in Salzburg und somit für tausende Grabstellen zuständig. Meist handle es sich um spezielle Sonderanfertigungen, die mit phantasievollen Bildhauerarbeiten und Malereien verziert sind. Die Friedhofsverwaltung sei bemüht, diese Grüfte zu erhalten. „Wenn sie zurückgegeben werden, versuchen wir sie an andere Familien weiterzugeben, damit der historische Charakter des Friedhofes erhalten bleibt“, erklärt Herr Ebner.

Das Interview mit ihm findet gemeinsam mit Herrn Manfred Obermair statt, dem Friedhofsverwalter des Kommunalfriedhofes. Seit 1987 arbeitet er dort, seit 1999 als Leiter. „Man muss mit jedem Hinterbliebenen anders umgehen. Wir haben zwar keine psychologische Ausbildung, aber es ist wichtig, allen Beteiligten in dieser schwierigen Zeit die bestmögliche Betreuung zukommen zu lassen und ihre Wünsche zu erfüllen“, ist er überzeugt. Es gäbe aber Dinge, die gesetzlich einfach nicht erlaubt seien. So mancher wolle etwa gemeinsam mit seinem Hund beerdigt werden, was natürlich nicht möglich sei. Andere wünschten, dass ihre Asche aufgeteilt wird, damit auf diese Weise mehrere Familienmitglieder zu Hause eine Urne beherbergen könnten. Auch das sei leider nach der geltenden Rechtslage nicht zulässig.

In einem Punkt sind sich Brigitte Gasteiger, Peter Ebner und Manfred Obermair einig: Einäscherungen nehmen in jüngster Zeit deutlich zu. „Der Trend geht eindeutig zu Feuerbestattungen. Sie machen mittlerweile 70 Prozent aus“, stellt Herr Obermair fest. In eine Urnensäule, die auf einer 50 mal 50 Zentimeter großen Fläche steht, lassen sich ohne weiteres bis zu fünf Urnen einer Familie unterbringen. Dort könne man auch Blumen oder Kerzen platzieren. „Urnensäulen brauchen ansonsten keine Pflege. Die Leute haben aber auch keine Zeit mehr dafür, sich um ein Grab zu kümmern. Sie haben gerade noch genug Zeit, um zur Beerdigung zu kommen“, meinte der Friedhofsverwalter nicht ohne kritischen Unterton.

Mit behördlicher Genehmigung sei es zwar möglich, eine Urne mit nach Hause zu nehmen, doch sollten hier die damit einhergehenden psychischen Belastungen nicht unterschätzt werden, warnt Herr Obermair. „Bei der Hälfte der Fälle kommen die Urnen wieder zu uns zurück, weil die Familienmitglieder es nicht verkraften konnten, täglich an ihren Verstorbenen vorbei zu gehen.“

Aus dem Buch “Die Zeit der letzten Wünsche”

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